Expressionismus am Beispiel des Films Metropolis

30. Januar 2014
Marric

Was genau ist der Expressionismus und was hat Fritz Langs Film Metropolis von 1927 damit zu tun?
Für das Fach “Gestaltungs- und Medientechnik” wurde diese Ausarbeitung erstellt. Alle Quellensind in der PDF zu finden.
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Inhaltsverzeichnis

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Die Epoche des Expressionismus

Der Expressionismus ist eine künstlerische Stilrichtung in den 1900 – 1920er Jahren. Es ist eine „Protestbewegung junger Künstler und Literaten“.
Das Wort „Expressionismus“ kommt vom Lateinischen „expressio“ und bedeutet Ausdruck. Es ging darum eine neue subjektive, aber auch abstrakte Darstellungsart zu finden.Es gab keine Einschränkungen in Linien, Farben und den Raum, daher glaubte der Expressionismus „an das All-mögliche“. In der Utopie des Expressionismus steht der Mensch wieder im Mittelpunkt und besitzt alle Freiheiten. Diese Freiheit befriedigt er duch kreatives Handeln. So entstanden auch politische Motive, die sich vor allem gegen die neugegründete Weimarer Republik auflehnen. Man versuchte, den Betrachter des Kunstwerkes – egal welcher Form – innerlich anzusprechen und auch emotional zu bewegen. Häufig spielen negative Gefühle wie Trauer, Schmerz oder auch Angst (vgl Munch „Der Schrei“) die Hauptrolle in den Bildern und Kunstwerken.

Der Expressionismus ist, obwohl es logisch erscheinen würde, nicht das Gegenstück des Impressionismus. Wichtig zu beachten ist, dass in der Entstehungszeit des Expressionismus keine künstlerische Strömung dominiert, sondern es viele verschiedene gab, wie den Impressionismus, Naturalismus, Jugendstil, Neoklassizismus und Weitere und diese sich auch vermischten. Der Expressionismus wollte dem entgegen wirken und mehr Ausdruck verleihen.

Der Expressionismus lässt sich in verschiedene Kunstrichtungen einteilen:

• Expressionismus in der Literatur
• Expressionismus in der bildenden Kunst (Architektur und Kirchenmalerei)
• Expressionismus in der darstellenden Kunst (Tanz und Film)
• Expressionismus in der Musik

Die wohl am bekannstesten Kunstwerke des Expressionismus sind die vier nahezu identischen Bilder mit dem Titel „Der Schrei“ von dem Norweger Edvard Munch. Alle zeigen eine schreiende Person auf einem Steg. Im Hintergrund sind weitere Personen und ein vermeintlicher Sonnenuntergang zu erkennen.
Der Ausdruck kommt hier sehr gut duch die Mimik der Hauptperson zur Geltung. Die starken Farbkontraste und Gegensätze im Hintergrund unterstützen diese Botschaft und wirken auch sehr aufdringlich.

Desweiteren gab es verschiedene expressionistische Künstlergruppen, wie „Die Brücke“ oder den „blauen Reitern“. Jedoch fabrizierten diese Künstler keine Filme. Der filmische Expressionismus kam erst in den 1920er Jahren auf, in dieser Zeit wurden viele Künstler schon von der Dada-Bewegung inspiriert.

Der Film Metropolis

Metropolis ist ein 145-minütiger Schwarz-weiß Stummfilm aus dem Jahre 1927. Er ist die teuerste deutsche Filmproduktion in der Zeit der Weimarer Republik. Vor allem durch seine neuen Tricktechniken, wie z.B. das mehrmalige Belichten von Filmrollen oder der Filmarchitektur mit der Großstadtvision und auch neuen Erfindungen (Bildtelefon) ist Metropolis eines der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte. Dieser Film wurde als erster weltweit ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

Die radikale Kürzung:

Der Film wurde im Januar 1927 uraufgeführt und fiel bei den Kritikern durch, weshalb er etwa um ein Viertel gekürzt wurde und im August desselben Jahres erneut anlief, diesmal mit mehr Erfolg. Leider wurde das gekürzte Material vernichtet und später wurde mehrfach versucht, den Film zu rekonstruieren. Erst im Jahre 2008 wurde eine stark beschädigte Kopie des 16 Millimeterabzuges in Buenos Aires in einem Filmarchiv gefunden. Nach aufwändiger Restauration feierte der Film im Februar 2010 auf der Berlinale seine Premiere.

Inspiration des Regisseurs:

Der Regisseur Fritz Lang wurde nach einem Amerikaaufenthalt – vor allem durch die Architektur von New York – für die Zukunftsvision seines Filmes inspiriert und fasste den Zeitgeist auf.
Die Menschen hatten Angst, wie die Maschinen zu werden und dass die Menschlichkeit in den Großstädten verloren geht. Die Urbanisierung, die in den USA begann und sich auch in Deutschland verbreitete, wurde von vielen kritisiert. Genau diese Zukunftsvision greift Lang in Metropolis auf.

Inhalt

Inhaltlich geht es um eine Zweiklassengesellschaft, den „Klub der Söhne“, die im Reichtum der riesigen Stadt Metropolis leben (paradiesische Gärten, Sportvergnügen) und der Arbeiterklasse, die unter der Stadt lebt und für das Kapital der Oberschicht hart arbeiten muss. Der alleinige Herrscher ist Joh Fredersen. Sein Sohn Freder verliebt sich in eine Frau aus der Arbeiterschicht und sucht dort nach ihr. Der verrückte Erfinder Rotwang möchte sich an Fredersen rächen, da er an dem Tod seiner großen Liebe schuld sei. Dafür entführt Rotwang im weiteren Verlauf der Geschichte Maria, die Frau in die sich Freder verliebt hat, klont sie und macht sie zum „Maschinenmenschen“. Diese zweite Maria fordert die Arbeiter zur Rebellion gegen Joh Fredersen auf. Die wütenden Arbeiter kämpfen sich den Weg frei, bis ihnen auffällt, dass ihre Arbeiterstadt einstürzt, da keiner mehr die Maschinen bedient. Der falschen Maria geben sie nun die Schuld und möchten sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Freder besiegt den Erfinder Rotwang und letztendlich geben sich die Arbeiter und Joh Fredersen die Hand.

Interpretationsansatz

Der Sinnspruch des Films am Anfang und Ende lautet:
„Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“
Damit schaffte die Autorin Thea von Harbou eine komplexe Metapher, in der die Stadt als ein Lebewesen betrachtet wird, ihr wird also ironischerweise Menschlichkeit zugeschrieben, obwohl es um die Anonymität der Großstadt geht. Sie vergleicht die Oberschicht mit dem Hirn. Im Gegensatz dazu stehen die Hände, welche die Arbeiter und die Maschinen verkörpern. Das Herz, was zwischen dem Hirn und den Händen steht, ist der Vermittler Freder, der es am Ende des Films schafft, Hirn und Hände zusammenzubringen. Symbolisch wird das ganze durch einen Händedruck visualisiert.

Filmarchitektur in Metropolis

Metropolis zeichnet eine besondere Architektur aus, welche auch aus der Kunstrichtung des Expressionismus entnommen wurde. Fritz Lang gab später zu, dass er mehr an der Architektur und der visuellen Umsetzung der Bilder interessiert war, als an seinem Inhalt und gesellschaftskritischer Aussage.

Lang wurde für den Film und seine Architektur auf einer Reise in Amerika 1924 inspiriert. Die Wolkenkratzer von New York beeindruckten ihn so sehr, dass er beschloss, daraus einen Film zu machen. Die vielen farbenfrohen Lichter auf den großen Anzeigetafeln (die man auch für deutsche Kinos übernommen hatte) ließen Lang „immer neue Variationen“ erleben. Er versuchte Bilder mit nach Deutschland zu nehmen und experimentierte mit Tricktechniken, um das Lichtermeer zu betonen. Dafür hatte er einen Film beispielsweise mehrfach belichtet.

Lang wollte seine Stadt so groß und imposant wie möglich bauen. Für seine Filmarchitekten Erich Kettelhut und Otto Hunte war es eine Herausforderung Gebäude zu konstruieren, welche kein reales Vorbild hatten.Kettelhuts erste Zeichnung von Metropolis zeigt eine ruhige Großstadt mit Fußgängern, Brücken und einigen Glas- und Betonhochhäusern. Im Hintergrund ist eine gotische Kirche zu erkennen. Diese hätte mit von Harbous Konzept der Geschichte übereingestimmt, doch Lang war davon überhaupt nicht begeistert und strich Kettelhuts Dom zweimal durch und fügte die Notiz „Kirche fort, dafür Turm Babel“ hinzu.

Der „neue Turm Babel“ soll nach Langs Vorstellung das gigantischste Bauwerk von Metropolis sein, von dem aus Joh Frederson die Stadt regiert. Mit der biblischen Verknüpfung (Turmbau zu Babel) soll es „die Rolle des Domes [welchen er gestrichen hatte] in moderner Übertragung fortführen“. Die Überheblichkeit von Joh Fredersen und dass er sich Gott gleich stellt, ist ein altbekanntes Schema in Geschichten. Auch er wird er am Ende von seinem Thron heruntergeholt.

Kettelhut ersetzte den Dom in seiner zweiten Fassung durch den Turm Babel und verdoppelte die Anzahl der Stockwerke bei den Gebäuden. Lediglich der Glasrundbau ist relativ originalgetreu übernommen worden.

Was die Hochhäuser vor allem auszeichnet, sind aber die betonten vertikalen Linien und Glasfassaden der amerikanischen Wolkenkratzer. Auch die Faszination Aufzug wird miteinbezogen. Der Vertikalismus ist aber nicht nur bei den Hochhäusern zu finden, sondern auch bei den tristen Betonklötzen der Arbeiterstadt. Diese zeigen die Haltung gegenüber dem Hochhausbau in Deutschland, der zu der Zeit viele Gegner hatte.

Aber auch der große Gong in der Mitte der Arbeiterstadt ist ein Symbol der Unterdrückung, da er an Walter Gropius‘ Denkmal der Märzgefallenen in Weimar erinnert. 1921 wurden streikende Bergarbeiter während Unruhen erschossen.

Heutige Einflüsse in die Filmarchitketur

Metropolis hat Spuren in heutigen Filmproduktionen hinterlassen, wie zum Beispiel Blade Runner (1982) oder Batman (1989).
Vor allem in der Architektur finden sich Gemeinsamkeiten, aber auch in Rollencharakteren und den Maschinen.
Tim Burton, der Regisseur von Batman, war sehr an deutschen expressionistischen Filmen interessiert.

So orientierte er sich bei der Skyline von Gotham City an jener von Metropolis.
Auch Charaktere übernahm er wie Max Schreck, der an Rotwang angelehnt ist. Beide besitzen die gleiche Frisur.
Auch Batman endet in einer Kathedrale, was auch wieder auf eine Inspiration aus Metropolis schließen lässt.

Metropolis und Expressionismus

In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist die expressionistische Künstlerbewegung in Kunst und Literatur vorbei und der Dadaismus inspiriert die neue Künstlergeneration. Nicht jedoch im neuen Medium der Kinematographie, welches von den Literaten der Zeit abgelehnt wurde.

Metropolis wurde von 1925 – 26 produziert und im Januar 1927 in Berlin uraufgeführt. Durch die Machtergreifung Hitlers 1933 und die damit zunehmende Zensur von Kunstwerken des NS-Regimes, konnten solche Filme nicht mehr produziert werden.

Das Kernthema der literarischen und darstellenden Kunst war der Tod und die Angst. Auch diese sind in expressionistischen Filmen sehr tief in der Geschichte verwurzelt.

So zeigt der Film hart arbeitende Arbeiter, die für die Oberschicht schuften müssen. Auch der Tanz des Todes und der sieben Todsünden visualisiert diese Angst des Menschen über das Thema Tod und was danach kommt.

Des Weiteren waren die Meinungen über das neue Medium Film sehr unterschiedlich. Da in expressionistischen Filmen häufig künstlich erschaffende Geschöpfe gezeigt wurden, warnten Kritiker mit der Massenmanipulation des Volkes und der Verherrlichung falscher Realitäten.

In Lang’s Meisterwerk wurde die „Maschinen-Maria“ geschaffen, welche ein geklontes Abbild der echten Maria ist.
Brigitte Helm (die Darstellerin der Maria) hatte damit eine Doppelbesetzung im Film.

Überdeutliche Gesten und stark geschminkte Gesichter sind ein weiteres Kennzeichen eines Films. Auch macht dieses Stilmittel dem Namen „Expressionismus“ alle Ehre, da es um den Ausdruck und die schauspielerische Leistung geht. Gustav Fröhlich (der die Rolle des Freder spielt) zeichnet seine fiktive Persönlichkeit oft durch starke Gestik und Mimik aus. Anstrengung und Verzweiflung sind hier sehr herausstechend. Auch verschiedene Wahrnehmungsebenen wie sein Traum werden lebhaft in dem Film ausgedrückt (vgl. Totentanz).

Gezielte Hell-Dunkel Effekte machen in der Bildgestaltung viel aus und unterstützen die Wirkung des Ausdrucks und der Gefahr, die auch Emotionen bei dem Zuschauer auslösen soll. Das gesetzte Licht und der beabsichtigte Schatten soll die Hauptfigur mächtig und mystisch oder aber auch klein und einsam wirken lassen. Die Entführung der Maria durch den Erfinder Rotwang findet in den Katakomben unter der Arbeiterstadt statt. Mit dem überwiegend schwarzen Bild wird Angst und Ungewissheit vermittelt. Maria wirkt klein und verloren, sie ist vollkommen hilflos. Die Musik unterstreicht diesen Effekt.

Hier spielt auch das Stilmittel der Verwirrung, die gerne im Expressionismus verwendet wird, eine wichtige Rolle. Maria verliert in den Katakomben die Orientierung und wird von Angst und Schrecken heimgesucht.

Die Utopie des Expressionismus, also dass der Mensch wieder komplett frei ist, wird auch in Metropolis sichtbar. Inhaltlich beschreibt es die nicht freien Arbeiter, die in Unterdrückung leben. Ob sich deren Situation am Ende des Films verbessert, wird nicht vollkommen geklärt. Jedoch lässt sich durch das symbolische Händeschütteln vermuten, dass durch die neu entstandene Kommunikation nun auch die Arbeiter freier sind. Somit endet Metropolis mit der Erfüllung eines Kernthemas des Expressionismus.

Auch der Turm Babel beschreibt diese Freiheit. Der „neue Turm Babel“ ist das Wahrzeichen der Megastadt und ersetzt damit die Funktion einer Kirche. Lang hatte auch auf einen großen Dom im Stadtbild verzichtet (vergleiche den Punkt: Filmarchitektur).
So ist der neue Mensch im Expressionismus nicht mehr an die Kirche und ihre Vorschriften gebunden, wie es zum Beispiel im Mittelalter der Fall war. In der Zukunftsversion gibt es schon noch die Kirche, da die Endszene in einem Dom spielt, jedoch ist sie nicht mehr von entscheidender Rolle und prägt nicht das Stadtbild.

Rhythmus ist ein wichtiges Thema in dem Science-Fiction-Film.
Maschinen haben einen immer gleich bleibenden Arbeitsrhythmus. Diesen übernimmt Lang bei den Arbeiterszenen, welche immer im Gleichschritt laufen und arbeiten. Damit hat er es geschafft, der Menschenmasse ein Gesicht zu geben. Die Arbeiter wirken nicht starr wie ein Bühnenbild, sondern bringen Dynamik in das Gesamtergebnis.
Auch die Bewegungen der Kinder an dem Gong zeigen hier die Masse und den Rhythmus. Ab diesem Schlüsselpunkt der Geschichte wendet sich alles wieder zum Guten.

Metropolis ist nicht wegen seines Drehbuches ein Meilenstein in der Filmgeschichte geworden, sondern wegen der interessanten Architektur und den neu verwendeten Tricktechniken. Der Film ist die höchste Kunstform des Expressionismus, da sie keine starre Kunst ist und so in einer weiteren Ebene allem Ausdruck verleihen kann.

Durch die Gestik und Mimik im Film wird die non-verbale Kommunikation des Menschen weiter ausgeprägt. Deshalb sei „die Gebärdensprache […] die eigentliche Muttersprache der Menschheit“ nur durch Schrift und Wort verdrängt worden.

Quellen und Bilder sind in der PDF

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